Orte meines Lebens
Erinnerungen an den Garten
apfelbaum
Bilder: pixabay.com

Oh, da fallen mir viele ein. Nur, wie soll ich sie sortieren? Gute Orte, schlechte Orte? Sind Orte immer nur Orte, geografisch gemeint? Oder sind es auch Situationen und Begegnungen, die dadurch zu Orten werden? In meinem Gedächtnis und in meinem Herzen.

Ich fange einfach an. Ein Ort meines Kinderlebens ist ein Garten. Unser Garten. Erst verwildert und ungepflegt. Ein Sauerkirschbaum, die Früchte leuchten ganz rot. Sie schmecken mir nicht vom Baum, sind sauer. Meine Mutter kocht sie ein zu Säften, die mit Wasser verdünnt werden müssen. Sehr lecker jetzt und genau richtig für unseren Durst.

Apfelbäume mit wurmstichigen Äpfeln. Meine Oma hat sie in Scheiben geschnitten und natürlich die Würmchennester entfernt. So lecker, so erfrischend. Apfelgelee, Apple-Pie mit Zimt.

Noch eine Frucht, ein Pfirsichbaum mit winzigen Früchten. Das Fruchtfleisch dunkelrot. Pfirsichmarmelade, Pfirsichkompott und das Beste: Pfirsicheis selbst gemacht. Das Vanilleeis schmolz immer zuerst im Mund. Übrig blieben die kleinen Pfirsichstückchen, die immer etwas länger brauchten. Was ein Sommergenuss. Durch diese Zeit habe ich kleine, »unattraktive« Früchte schätzen gelernt. Sie schmecken oft viel besser als ihre großen makellosen Geschwister.

Der Garten ist für mich ein Paradies. Ich darf immer dort spielen zusammen mit meinen Freunden. Viel ist erlaubt. Sandkasten, kochen mit alten Töpfen, eine Hängematte, ein türkisfarbenes Kinderzelt, alte Teppiche und Decken und eine ebenso alte Badewanne, die vor der Gartenpumpe steht.

Dort erschaffen wir uns andere Welten. Wie viel Fantasie in uns steckt. Besonders erinnere ich mich an die Badewanne. Elegant steht sie auf ihren vier geschwungenen Füßen, das weiße Email an manchen Stellen abgeplatzt. Wir nutzen sie nicht zum Baden, wir machen aus ihr ein Schiff. Als Dach legen wir eine Zinkwanne quer auf den Rand. Holzbretter bilden das Deck, sogar einen kleinen Steg bauen wir aus Brettern, auf dem wir »an Land« gehen können. Ein altes Seil wird zum Tau, das wir an der Teppichstange anbinden wenn wir irgendwo »vor Anker« liegen.

In die Badewanne werden Decken gelegt auf denen wir, höchstens zu zweit, sitzen können. Unsere Köpfe ragen in die umgedrehte Zinkbadewanne. So bereisen wir die Weltmeere, sicher und geschützt. Während draußen die Stürme toben, essen wir unseren Proviant. Meine Oma hatte ihn uns vorher in einem kleinen Körbchen über ihr Küchenfenster heruntergelassen. Was für ein Spaß, wie viele sind Bilder in unseren Köpfen.

Natürlich gibt es in diesem Garten auch Tragödien und Kummer. Eine ist mir noch gut in Erinnerung. Zusammen mit meiner Freundin haben wir unsere ersten Tiere. Weinbergschnecken, die wir in der Umgebung gesammelt haben. Jede von uns besitzt drei. Wir geben Ihnen Namen und malen mit Filzstift Erkennungszeichen auf ihre Häuser. Sie wohnen in einem großen Karton mit frischen Blättern. Eines Nachmittags lassen wir sie aus dem Karton. Sie sollen mal ein bisschen Bewegung haben. Wir vergessen Sie beim Spielen. Irgendwann laufe ich über unsere Schnecken. Das Geräusch der zerberstenden Häuser habe ich immer noch im Ohr. Ich weine bitterlich und fühle mich ganz schlecht. Meine Mutter nimmt mich auf ihren Schoß und tröstet mich.

Der Garten begleitet mich viele Jahre. Die Spiele ändern sich. Kurz bevor ich ins Teenageralter kommen, räumen wir die alte Garage aus und um. Ein Auto steht schon lange nicht mehr darin. Sie wird unser geheimer Clubraum, wir besprechen die ersten Mädchendinge.

Lange wird er nicht unser Geheimversteck bleiben. Wir gehen jetzt andere Wege. Der Garten wird inzwischen noch einmal anders schön. Meine Mutter hat ihn als Ort für Blumen entdeckt. Sie legt Beete an, bestellt Pflanzen in einem Versandhaus und manchmal gehen wir zusammen Ableger klauen. Sie nennt es »botanisieren« gehen. Wir stören uns nicht in unserem Garten. Dann ziehen meine Mutter und ich aus. Das Warum ist eine andere Geschichte. Der Garten verwildert, das Haus wird verkauft.

Ich war vor kurzem mal wieder da. Bin am Eingang vorbeigelaufen. Ich war erstaunt, wie niedrig das Eingangstor ist. Das Gefühl für unseren Garten habe ich trotzdem behalten.

Dagmar Reif

22.07.2016 - 12.33 Uhr
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