Wenn die Glocken in den Kirchtürmen läuten
glockenstuhl
Bild: de.wikipedia.org

»Nachts, am 19. März, dann werde ich jedes Jahr geweckt«, sagt mir mit nachdenklicher Stimme eine Frau. Es ist 4.20 Uhr, wenn die schwergewichtigen Kolosse sich in den Türmen der Hanauer Innenstadt in Bewegung setzen. Im Gedenken an die Schreckensnacht schlagen die Glockenklöppel an die Metallwände und erzeugen eine gedenkvolle Stimmung. Wer in der Frühe des 19. März 1945 die 16 Minuten der Bombenabwürfe von 4.24 Uhr bis 4.40 Uhr auf die Stadt und den daraus entstandenen Feuersturm erlebt hat, wird dieses Geschehen wohl nie vergessen können. Daher läuten auch jedes Jahr in der Nacht die vier Glocken der Marienkirche. »Sie mahnen heute zum Frieden, wenn sie mitten in der Nacht im März läuten« – sage ich den Kindern, während ich mit ihnen auf dem Turm direkt unten den Glocken stehe. »Wie schwer ist eine Glocke«, fragt mich Adrian. »Sehr schwer, so schwer wie ein Elefant?« sagt eine Erzieherin aus der Tageseinrichtung. In der Tat ist die schwerste Glocke in der Marienkirche 3500 kg schwer. Das ist schon etwas mehr, als ein Elefant wiegt.

Die Glocken, sie haben für mich im wahrsten Sinne des Wortes Gewicht in der Stadt. Sie geben Rhythmen des Tages an, sie weisen auf den Ruhetag, wenn am Samstagabend der Sonntag um 18.00 Uhr eingeläutet wird.

»Ach Du heiliger Bimbam« – mit diesem Ausdruck reagieren wir, wenn uns etwas erschreckt und nervt. Diese umgangssprachliche Redewendung benutzt Kirchenglocken als Bild für etwas, dass uns aus unserer Konzentration reißt oder wir als störend empfinden. Tatsächlich werden Kirchenglocken von vielen Zeitgenossen eher als Lärm, denn als Musik wahrgenommen. Sind damit das Geläut der Glocken und der Uhrschlag vom Turm der Kirche überholt? Sind sie eine vergessene Kultur? Wie geht es Ihnen damit?

Die Glocke hat ihre Wiege übrigens nicht in Europa, sondern in China. Sie entwickelte sich vor 5000 Jahren aus Klangschalen und Klingsteinen. Auch die Bibel kennt Glocken, sie berichtet von dem Gebrauch von Glocken und Glöckchen. Das Gewand des Hohenpriesters Aaron ist mit zwölf Glöckchen geziert, der Vorhang im Tempel war mit ihnen gesäumt und in Psalmen wird aufgefordert, Gott mit Zimbelklang zu loben. Verschiedene Kirchenväter deuten, von den Psalmen her inspiriert, den Glockenklang als Verkündigung des Evangeliums und bereiteten den Weg zum Aufkommen der Glocke. Zum endgültigen Durchbruch in Europa verhalf dann Karl der Große: Er verordnete Glocken und Läuteordnungen.

Die Glocken sind heute keine vergessene Kultur. Das merkte ich, als einmal die Kirchenglocken streikten und sie gewissermaßen außer Takt geraten waren. Es war 12.06 Uhr und es läutete zu Mittag. Ich bekam gleich mehrere telefonische Rückmeldungen. Es war ein Defekt der Funkuhr, was sich in diesem Fall schnell beheben ließ.

Die Marienkirche besitzt übrigens das tontiefste Geläut der Stadt Hanau. Das Gesamtgeläut erklingt nach den Anfangstönen des alten Kirchenliedes: »Wachet auf, ruft uns die Stimme.« (Evangelisches Gesangbuch 147)

Die Glocken geben Rhythmus, gedenken der Feiertage, oder künden auch von dem Tod eines Gemeindemitgliedes, wenn am Tag der Bestattung um 18.00 Uhr die tiefste, das heißt die »Totenglocke« der Marienkirche erklingt. Wenn im Gottesdienst das Vaterunser gesprochen wird, lädt die Vaterunser-Glocke auch die Menschen in den Häusern zum Mitbeten ein.

Die Glocken sind ein Zeichen unserer christlichen Kultur und erinnern mich daran, dass es mehr als nur mein Leben gibt. Sie erinnern daran, dass Gott da ist. Ein Gott, der zum Frieden in unserer Zeit ruft, zum gemeinsamen Gebet und Gedenken. Ein Gott, der mich zur wohltuenden Unterbrechung meiner Arbeit ruft – und das nicht nur zur Fastenzeit.

Hören Sie in diesen Tagen einmal ganz neu auf die alten Glocken unserer Stadtkirchengemeinde. Ihr Geläut wird Sie sicher auf etwas aufmerksam machen, was Ihnen längst selbstverständlich erschien.

Heike Mause

08.02.2016 - 10.15 Uhr
4662