Dr. Elisabeth Schmitz
vor 125 Jahren geboren
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Bild: commons.wikimedia.org

Elisabeth Schmitz wurde am 23. August 1893 in Hanau als viertes Kind und als die jüngste von drei Töchtern geboren. Sie besuchte ebenso wie die beiden Schwestern die Private Höhere Mädchenschule in Hanau und begann nach dem Abitur an der Schillerschule in Frankfurt am Main 1913 das Studium der Geschichte, Religion und deutscher Sprache in Bonn und ab 1914 in Berlin. Sie erwarb den Doktortitel und unterrichtete in Berlin als Studienrätin.

Sie nahm sehr bewusst die sich verändernden politischen Verhältnisse am Ende der Weimarer Republik wahr und bedauerte die zurückhaltenden Reaktionen der Kirche auf den von den Nationalsozialisten propagierten Antisemitismus. Im Frühjahr 1934 nahm sie eine befreundete Ärztin in ihrer Wohnung auf, die als Jüdin ihre Kassenzulassung verloren hatte, und setzte sich  Nachforschungen der NSDAP aus.

In den Sommerferien 1935 verfasste sie in ihrem Hanauer Elternhaus ihre Denkschrift »Zur Lage der deutschen Nichtarier«. Sie forderte die Kirche geradezu flehentlich auf, sich der verfolgten Juden anzunehmen, leider vergeblich. Resignierend schreibt sie: »Das Wort der Kirche ist nicht gekommen.«

Wie sehr sie im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen als profunde Historikerin die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, lässt ein Satz aus ihrer Denkschrift erkennen. Sie schreibt im Sommer 1935 (!) zu den Plänen der Regierung: »Es ist keine Übertreibung, wenn von dem Versuch der Ausrottung des deutschen Judentums gesprochen wird.« 

Nach dem Reichspogrom vom 9./10. November 1938, bei dem fast alle Synagogen, die in Hanau am 10. November, zerstört und Tausende von Juden in Konzentrationslager verschleppt wurden, beschloss sie, im Alter von 45 Jahren aus dem Staatsdienst auszuscheiden. Sie begründete ihren Antrag mit gesundheitlichen Gründen und mit ihrer Auffassung, sie fühle sich außerstande, den Unterricht im Sinne der nationalsozialistischen Lehrpläne zu erteilen.

Sie formuliert später ein bewegendes Schuldbekenntnis, wenn sie schreibt: »Dafür haben wir das Grauenhafte erlebt und müssen nun weiterleben mit dem Wissen, dass wir daran schuld sind. Als wir zum 1. April 33 schwiegen, als wir schwiegen zu den Stürmerkästen, zu der satanischen Hetze der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch sogenannte ›Gesetze‹, zu den Methoden von Buchenwald – da und tausendmal sonst sind wir schuldig geworden am 10. November.«

Sie stellt sich als Mitglied der Bekennenden Kirche als ehrenamtliche Mitarbeiterin zur Verfügung und versteckt in ihrem Wochenendhaus in Berlin-Wandlitz eine jüdische Familie und lässt ihr Lebensmittelkarten zukommen. Es gelingt ihr, eine zur Deportation bestimmte Jüdin aus dem Gefängnis in Heidelberg zu befreien.

Im August 1943 kehrt sie nach der Ausbombung ihrer Berliner Wohnung nach Hanau zurück.

Ab 1946 unterrichtet sie an der Karl-Rehbein-Schule. Sie arbeitet im Vorstand des Hanauer Geschichtsvereins mit. 1958 tritt sie in den Ruhestand. 2011 erhält sie die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel einer Christin verleiht: Sie wird als »Gerechte unter den Völkern« geehrt.

Die Stadt Hanau benennt eine Straße im Lamboy und eine Schule nach ihr. Die Bibliothek der Karl-Rehbein-Schule trägt ihren Namen. Ihre Aktenmappe steht am Eingang zur Bibliothek in einer Vitrine.

Die Elisabeth Schmitz lebenslang bewegende Frage nach dem Verhältnis von Juden und Christen ist unvermindert aktuell. Tätliche Angriffe gegen Juden nehmen überall zu. Diese Frage bedarf ernsthafter und sachkundiger Erörterung. Inhaltliche Maßstäbe für eine solche Diskussion  enthält Elisabeth Schmitz' Denkschrift.

Anlässlich ihres 125. Geburtstags brachten die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Frankfurter Rundschau und der Hanauer Anzeiger Artikel.

Oberbürgermeister Kaminsky und der Unterzeichnende legten an dem von der Stadt Hanau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck errichteten Ehrengrab am 23. August einen Kranz nieder.     

Gerhard Lüdecke

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