200 Jahre Tisch der Toleranz
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Bild: M. Ebersohn, Hanau

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

viele von Ihnen sehen sie noch vor sich – die Tafel der Toleranz in der Hanauer Altstadt, die teilweise über hundert Meter lang war. Fünf Jahre lang war sie ein Zeichen für Begegnungen von Mensch zu Mensch, für Gespräche und gemeinsames Essen mit Menschen, die sonst nicht zusammen an einem Tisch sitzen.

Doch der »Tisch« der Toleranz in Hanau ist eigentlich schon viel älter! Den Tisch der Toleranz gibt es in Hanau seit 200 Jahren.

Im Jahr 1818 beschlossen die Hanauer evangelischen Christen, dass sie genug hatten von Streitereien um ihren Glauben. Die gab es nämlich seit dem 17. Jahrhundert reichlich: Reformierte und Lutheraner gehörten zu zwei getrennten Landeskirchen, obwohl beide evangelisch waren. So mussten getrennte Kirchen – in Hanau die Marienkirche und die Alte Johanneskirche –, getrennte Friedhöfe und getrennte Schulen unterhalten werden. Der Hauptgrund für die Trennung war ein unterschiedliches Verständnis des Abendmahls: Wie soll man es sich vorstellen, dass Jesus Christus bei der Feier des Abendmahls bei den Christen anwesend ist? Dafür gab es zwei unterschiedliche theologische Erklärngen – und diese führten dazu, dass reformierte und lutherische Christen nicht gemeinsam Abendmahlsgottesdienste feiern konnten.

Die evangelischen Christen in Hanau wollten das ändern. Ihnen war die Gemeinschaft untereinander wichtiger als das, was die Gläubigen trennte. Das Gemeinsame der evangelischen Christen wollte man in Zukunft betonen, mit der Vereinigung Frieden stiften und so Trennendes überwinden. Am »Tisch des Herrn«, beim Abendmahl, wollte man nun zusammenstehen.

Und so vereinigten sich in Hanau Reformierte und Lutheraner in der Hanauer Union vor 200 Jahren zu einer Kirche. Das Besondere ist, dass dies nicht »von oben«, also vom Landesfürsten diktiert war, sondern nach weitgehend friedlichen Diskussionen demokratisch von einer gemeinsamen Synode beschlossen wurde – am 1. Juni 1818 in der Hohen Landesschule Hanau.

Die Hanauer Union ging in die Kirchengeschichtsbücher ein. Teilweise wurde diese pragmatische Lösung freilich als »Buchbinderunion« verspottet, denn man hatte einfach den reformierten und Luthers Katechismus zusammengebunden und beide für gültig erklärt. Auf die Lösung der Theologen, die auch eine gemeinsame Lehre dazu entwickelten, wollten die Hanauer allerdings nicht warten, denn die dauerte noch 150 Jahre …

Mit ihrer pragmatischen Lösung haben die Hanauer Christen Toleranz bewiesen. Sie haben gezeigt, dass man auch dann miteinander leben und sogar glauben kann, wenn die Meinung des anderen sich von der eigenen unterscheidet – vorausgesetzt, man hat sich entschieden, sich gegenseitig zu respektieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Toleranz bedeutet eben nicht, alle gleich zu machen, sondern Unterschiede zu akzeptieren und miteinander im Gespräch zu bleiben. Und die Hanauer haben es schon früh verstanden: Essen verbindet, am Tisch der Toleranz.

Wir laden Sie herzlich ein, in den kommenden Tagen und Wochen noch mehr über die Hanauer Union zu erfahren. Es warten viele spannende Veranstaltungen auf Sie! Ein besonderer Höhepunkt ist dabei die Wiedereröffnung der Alten Johanneskirche an Pfingsten, die pünktlich zum Jubiläumsjahr fertig saniert wurde.

Ihre

Pfarrerin Kerstin Schröder

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