Wir haben die Wahl
frauenwahlrecht-1912
Bilder: commons.wikipedia.org / Stadtkirchengemeinde Hnaau

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Zahn Margit 2017»Haben Sie schon gewählt?«, so fragt uns die junge Frau im Lokal. Was nehmen wir denn? Pizza Margherita oder doch lieber Vier Jahreszeiten? »Wer die Wahl hat, hat die Qual«, heißt es. Tatsächlich finde ich es oft anstrengend, mich zu entscheiden. Das Angebot ist so groß, dass mir die Auswahl schwerfällt. 

Dass wir wählen können, ist in unserm Land selbstverständlich. Nicht nur beim Essen und beim Einkaufen. Deutsche dürfen mit achtzehn Jahren zur Wahlurne gehen und über die politische Richtung auf vielen Ebenen mit-entscheiden. In diesem Herbst wird bei uns in Hessen wieder der Landtag gewählt. Noch ist nicht viel davon die Rede, die Nachrichten sind in diesen Wochen weiter bestimmt von der schwierigen Regierungsbildung im Bundestag.

Auch wenn viele des Wählens müde sind: In diesem Jahr wird mir das Wahlrecht besonders wichtig. Vor genau hundert Jahren haben Frauen in unserm Land erkämpft, dass sie überhaupt wählen dürfen. Bis dahin haben nur Männer in der Politik entschieden. Aber seit 1918 können Frauen zur Urne gehen und sich auch selbst wählen lassen. Frauen können in den Parlamenten das Wort ergreifen und sich für das einsetzen, was ihnen wichtig ist. Sie können an Gesetzen mitarbeiten, die für einen gerechten Ausgleich sorgen.

Das klingt so selbstverständlich, aber das ist es nicht – in unserm Land so wenig wie in vielen andern Ländern. »Frauen in der Politik, meine Damen, das ist schlichtweg gegen die göttliche Ordnung«, das bekommt Nora zu hören. Die junge Schweizerin macht sich Anfang der siebziger Jahre (!) in ihrem Dorf unbeliebt, als sie sich für das Wahlrecht der Frauen in der Schweiz einsetzt. Wer sich den Film »Die göttliche Ordnung« am 14. März im Gemeindehaus der Johanneskirche gemeinsam mit andern ansieht, wird über diese Szene sehr lachen müssen. Überhaupt gibt es viel Komisches in dem Film. Und an manchen Stellen bleibt dann das Lachen auch im Hals stecken. Stoff fürs Gespräch nach dem Film gibt es jedenfalls genug. Was alles als göttliche Ordnung galt!

Wir haben die Wahl. Das ist in diesem Jahr ein Grundgedanke des Weltgebetstages am Freitag, dem 2. März. Wir haben die Wahl, wie wir mit der Schöpfung umgehen, das sagen die Christinnen aus Surinam. Wir entscheiden, wie viel Müll wir produzieren. Es liegt auch an uns, ob die Wälder erhalten bleiben. Wir müssen nicht zulassen, dass die Flüsse weiter verseucht werden bei der Goldgewinnung. Aber die Christinnen aus Südamerika schreiben die Verantwortung dafür nicht allein Einzelnen zu. Ihnen ist klar, dass Gesetze nötig sind, um etwas zu verändern. Und sie laden uns in der weltweiten Gemeinschaft von Christinnen und Christen ein, Gott um Einsicht und Weisheit zu bitten – für ein gemeinsames Leben in Gottes guter Schöpfung.

Wir haben die Wahl – viele Male täglich. Alltagsentscheidungen sind zu treffen. Was wir essen und trinken wollen, wie wir uns in dieser oder jener Situation verhalten wollen, ob wir uns einmischen oder doch  schweigen. Es werden Fehler passieren. Klar. Das ist unvermeidlich.

Gut, an einen Gott zu glauben, der mit unseren Fehlern umgehen kann und es sogar aushält, wenn wir uns bisweilen gegen ihn entscheiden.

Im Johannesevangelium heißt es: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht tragt und eure Frucht bleibt, so dass euch gegeben wird, um was ihr Gott in meinem Namen bitten werdet.« (Johannes 15,16; Bibel in gerechter Sprache)

Ihre

Pfarrerin Margit Zahn

(Bild oben: Demonstrantinnen für das Freuenwahlrecht 1912 in New York City)

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