Kreuzspannung - Klaus Simon
Gottesdienst am Palmsonntag, 9. April 2017
kreuzspannung
Bild: Stadtkirchengemeinde Hanau

Lesung: Römer 8, 18-25

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.

Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung, denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?

Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.
 

Predigt

Auf dem Platz vor der Kirche stand bis vor zwei Jahren ein großer Baum. Eine kaukasische Flügelnuss: weit ausladend - hoch gewachsen. Wie lange der Baum da schon stand? Niemand mehr weiß es ganz genau. Aber er gehörte hierher. Er war verbunden mit dem Leben auf der Wiese, an dieser Kirche.

Manchmal haben wir eine Schaukel befestigt. Meinen Kindern habe ich hier eine Hühnerleiter zum Klettern gebaut. Im Schatten der Blätter standen im  Sommer unsere Bänke. Wir hingen an dem Baum  - und haben uns um ihn gesorgt. Als er sich immer mehr ausdehnte und seine Äste nicht mehr halten konnte, haben die Gärtner sie mit dicken Metallseilen umspannt. Mit Haken und Nägeln im Holz hat das Metall  den Baum notdürftig zusammengehalten - ihn wie eine Art Kette umfasst.

Immer mehr Krankheiten drangen ins Holz ein, auch tief in den Stamm. Äste sind abgebrochen und heruntergefallen.
Und immer wieder die Frage: Wie lange wird der Baum noch stehen können?

»Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat.« Die Geschichte der Schöpfung ist die Geschichte dieses Baumes. Er war vergänglich. Wir Menschen haben uns mit dem Baum verbündet und uns eine Zeitlang mit ihm wehren können gegen sein Vergehen. Und dann haben wir den Baum doch fällen müssen, bevor er immer noch brüchiger und  gefährlicher wurde. Kein Ast sollte jemanden treffen und verletzen. Schweren Herzens haben wir uns von ihm getrennt.

Hätte er uns doch weiter Schatten gespendet – jetzt im neuen Haus! Könnte er  nicht  wie diese kaukasischen Nussbäume in Bad Homburg über 150 Jahre alt werden! Wären nicht diese fortwährenden Krankheiten gekommen! Hätten wir vielleicht mit einer anderen Behandlung früher anfangen sollen. Hätte, wäre ...: Das sind so Worte, wenn wir etwas nicht aufhalten konnten.

Dieser große Baum war so anfällig wie jeder von uns Menschen, wie jedes Tier, jede Pflanze. Wie alles Lebendige. »Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt«, so hat es Paulus gesagt. 

Heute höre ich den Baum noch einmal seufzen. Und ich höre ihn mit uns seufzen, unter allem, was uns zusetzt. Worunter wir stöhnen, was wir nicht aufhalten können. »Nicht allein aber die Schöpfung, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.«

Da wohnt ein Sehnen tief in uns.
In Sorge.
In Ohnmacht.
In Furcht.
In Krankheit.
In Schmerz.

Paulus spricht vom Sehnen im Seufzen über das Vergehen. An anderer Stelle sagt er: das Vergehen ist nicht aufzuhalten, aber es wird Verwandlung geben. Wie diese Verwandlung genau aussieht, das weiß er nicht. Und wir wissen es auch nicht.

»Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?«

Was schon da ist, kann ich nicht erhoffen. Es ist ja da.
Wenn man also das Erhoffte nicht sehen kann:
Was ist dann mit dem Sichtbaren? 
Kann es helfen beim Hoffen?

Ich sehe, dass dieser Baum vor der Kirche nicht mehr wächst. Und ich sehe, dass ein Teil von ihm noch da ist. Der Künstler Klaus Simon hat etwas von diesem Nussbaum wie verwandelt, ihn hier wieder zum Stehen gebracht. Er hat die Rinde abgelöst und die verborgene Maserung sichtbar gemacht. Die Geschichte, das Auf und Ab der Jahre. Wie sich der Stamm biegt und beugt, das sehe ich jetzt – im Kontrast zu diesem graden Schnitt.

Hier unter Dach ist das Holz geschützt. Kein Regen wird ihm etwas anhaben. Aber die trockene Luft im Raum wird seine Gestalt weiter verändern. Risse kommen dazu, neue Linien. Das Holz bleibt lebendig. Die Oberseite bekommt Kontur. Zusehends entsteht hier ein Stern. Und die Linien des Stammes neigen sich immer mehr zu dem Werk an der Wand hin.

Hier ist das Holz rauer, fast roh. Da sind noch die Splitter vom Schnitt der Kettensäge. Und da ist dieses Metall an der Seite: Fremdkörper. Hier war der Baum von der Kette umspannt. Das Holz hat sich die Nägel wie einverleibt, die Wunden überwuchert und neue Haut gebildet.

»Sieht aus wie ein Kreuz«, haben in den letzten Monaten schon manche gesagt. Man muss in diesem Holz mit Metall an der Seite kein Kreuz sehen. Aber es ist möglich. Klaus Simon hat diese Möglichkeit gesehen, als er angefangen hat, sich dem Baum zuzuwenden – mitsamt seiner Krankheitsgeschichte. Und er bietet mit seinem Werk diese Sicht an.

Aber drängt sie niemand auf. Nicht uns, wenn wir heute hier Gottesdienst feiern. Und auch sonst nicht.

In diesem Raum treffen sich  Jugendliche zum Unterricht – mal mit mehr, mal mit weniger Lust. Der Chor singt hier und übt für Konzerte. Frauen tauschen sich aus - über ihren manchmal mühsamen Alltag mit schmerzenden Beinen. Es gibt viele Beratungen hier über die Zukunft der Kirche. Menschen auf Socken versuchen ihren Körper beweglich zu halten. Nach einer Trauerfeier stärken wir uns an Leib und Seele hier, Familie und Freunde feiern wie letzten Sonntag ihre frisch getauften Kinder: Leben. Auf und Ab.

Und zwischendurch, vielleicht  wenn das Gespräch stockt,  fällt  der Blick auf die Werke von Klaus Simon. Was ist das eigentlich? Was siehst Du da? Es muss nicht sein, aber es kann sein, dass jemand ein Kreuz sieht. Kein schickes Design-Kreuz. Eins, das eine Geschichte erzählt. Und im Erzählen verbindet sie sich mit der Geschichte dieses einen Menschen damals in Golgatha: Sein Leben auf der Erde endete an einem Kreuz aus Holz – roh und notdürftig zusammengehalten. Diesen einen hat Gott gerettet und mit ihm alles Lebendige.

Wir sind gerettet, doch auf Hoffnung. Wir haben diese Hoffnung auf Verwandlung wie bei uns, wenn wir diese Kreuzspannung nun in unseren Räumen beherbergen. Wir halten sie geduldig hin. Und dann wird es geschehen können, dass sie sich mit dem Leben verbindet.

So wie es gerade ist. Sieht aus wie ein Kreuz, sagt jemand vielleicht beiläufig. Und fährt dann im Gespräch fort und das Gespräch nimmt doch irgendwie eine andere Wendung dabei. Und manchmal werden wir in diesen Räumen auch die Hoffnung ausdrücklich machen. Und sie wird nicht beiläufig dabei sein.

Wir werden manchmal auch Gottesdienst feiern können. Mit dieser Kreuzspannung vor Augen. Und es wird gut sein, genau an dieser Stelle, Worte in den Mund zu nehmen, wie die aus dem Römerbrief. »Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.«

Pfarrerin Margit Zahn

Auf dem Platz vor der Kirche stand bis vor zwei Jahren ein großer Baum. Eine kaukasische Flügelnuss: weit ausladend – hoch gewachsen. Wie lange der Baum da schon stand?

Niemand mehr weiß es ganz genau. Aber er gehörte hierher.

Er war verbunden mit dem Leben auf der Wiese, an dieser Kirche.

Manchmal haben wir eine Schaukel befestigt. Meinen Kindern habe ich hier eine Hühnerleiter zum Klettern gebaut. Im Schatten der Blätter standen im  Sommer unsere Bänke. Wir hingen an dem Baum  - und haben uns um ihn gesorgt. Als er sich immer mehr ausdehnte und seine Äste nicht mehr halten konnte, haben die Gärtner sie mit dicken Metallseilen umspannt. Mit Haken und Nägeln im Holz hat das Metall  den Baum notdürftig zusammengehalten – ihn wie eine Art Kette umfasst.

Immer mehr Krankheiten drangen ins Holz ein, auch tief in den Stamm. Äste sind abgebrochen und heruntergefallen.

Und immer wieder die Frage: Wie lange wird der Baum noch stehen können?

„Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat.“ Die Geschichte der Schöpfung ist die Geschichte dieses Baumes. Er war vergänglich. Wir Menschen haben uns mit dem Baum verbündet und uns eine Zeitlang mit ihm wehren können gegen sein Vergehen. Und dann haben wir den Baum doch fällen müssen, bevor er immer noch brüchiger und  gefährlicher wurde. Kein Ast sollte jemanden treffen und verletzen. Schweren Herzens haben wir uns von ihm getrennt.

Hätte er uns doch weiter Schatten gespendet - jetzt im neuen Haus! Könnte er  nicht  wie diese kaukasischen Nussbäume in Bad Homburg über 150 Jahre alt werden! Wären nicht diese fortwährenden Krankheiten gekommen! Hätten wir vielleicht mit einer anderen Behandlung früher anfangen sollen. Hätte, wäre…: Das sind so Worte, wenn wir etwas nicht aufhalten konnten.

Dieser große Baum war so anfällig wie jeder von uns Menschen,  wie jedes Tier, jede Pflanze. Wie alles Lebendige.  „Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt“, so hat es Paulus gesagt. 

Heute höre ich den Baum noch einmal seufzen.

Und ich höre ihn mit uns seufzen, unter allem, was uns zusetzt.

Worunter wir stöhnen, was wir nicht aufhalten können.

Nicht allein aber die Schöpfung, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.“

Da wohnt ein Sehnen tief in uns.

In Sorge.

In Ohnmacht.

In Furcht.

In Krankheit.

In Schmerz.

Paulus spricht vom Sehnen im Seufzen über das Vergehen.

An anderer Stelle sagt er: das Vergehen ist nicht aufzuhalten,

aber es wird Verwandlung geben.

Wie diese Verwandlung genau aussieht, das weiß er nicht.

Und wir wissen es auch nicht.

Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?“

Was schon da ist, kann ich nicht erhoffen. Es ist ja da.

Wenn man also das Erhoffte nicht sehen kann:

Was ist dann mit dem Sichtbaren?

Kann es helfen beim Hoffen?

Ich sehe, dass dieser Baum vor der Kirche nicht mehr wächst.

Und ich sehe,  dass ein Teil von ihm noch da ist.

Der Künstler Klaus Simon hat etwas von diesem Nussbaum wie verwandelt, ihn hier wieder zum Stehen gebracht. Er hat die Rinde abgelöst und die verborgene Maserung sichtbar gemacht.

Die Geschichte, das Auf und Ab der Jahre. Wie sich der Stamm biegt und beugt, das sehe ich jetzt -  im Kontrast zu diesem graden Schnitt.

Hier unter Dach ist das Holz geschützt. Kein Regen wird ihm etwas anhaben. Aber die trockene Luft im Raum wird seine Gestalt weiter verändern. Risse kommen dazu, neue Linien. Das Holz bleibt lebendig. Die Oberseite bekommt Kontur. Zusehends entsteht hier ein Stern.

Und die Linien des Stammes neigen sich immer mehr zu dem Werk an der Wand hin.

Hier ist das Holz rauer, fast roh. Da sind noch die Splitter vom Schnitt der Kettensäge. Und da ist dieses Metall an der Seite: Fremdkörper. Hier war der Baum von der Kette umspannt. Das Holz hat sich die Nägel wie einverleibt, die Wunden überwuchert und neue Haut gebildet.

„Sieht aus wie ein Kreuz“, haben in den letzten Monaten schon manche gesagt. Man muss in diesem Holz mit Metall an der Seite kein Kreuz sehen. Aber es ist möglich. Klaus Simon hat

diese Möglichkeit gesehen, als er angefangen hat, sich dem Baum zuzuwenden - mitsamt seiner Krankheitsgeschichte.

Und er bietet mit seinem Werk diese Sicht an.

Aber drängt sie niemand auf.

Nicht uns, wenn wir heute hier Gottesdienst feiern.

Und auch sonst nicht.

In diesem Raum treffen sich  Jugendliche zum Unterricht - mal mit mehr, mal mit weniger Lust. Der Chor singt hier und übt für Konzerte. Frauen tauschen sich aus - über ihren manchmal mühsamen Alltag mit schmerzenden Beinen. Es gibt viele Beratungen hier über die Zukunft der Kirche. Menschen auf Socken versuchen ihren Körper beweglich zu halten. Nach einer Trauerfeier stärken wir uns an Leib und Seele hier, Familie und Freunde feiern wie letzten Sonntag ihre frisch getauften Kinder: Leben. Auf und Ab.

Und zwischendurch, vielleicht  wenn das Gespräch stockt,  fällt  der Blick auf die Werke von Klaus Simon. Was ist das eigentlich?

Was siehst Du da? Es muss nicht sein, aber es kann sein, dass jemand ein Kreuz sieht.

Kein schickes Design-Kreuz. Eins, das eine Geschichte erzählt.

Und im Erzählen verbindet sie sich mit der Geschichte dieses einen Menschen damals in Golgatha: Sein Leben auf der Erde endete an einem Kreuz aus Holz – roh und notdürftig zusammengehalten. Diesen einen hat Gott gerettet und mit ihm alles Lebendige.

Wir sind gerettet, doch auf Hoffnung.

Wir haben diese Hoffnung auf Verwandlung wie bei uns,

wenn wir diese Kreuzspannung nun in unseren Räumen beherbergen. Wir halten sie geduldig hin. Und dann wird es geschehen können, dass sie sich mit dem Leben verbindet.

So wie es gerade ist. Sieht aus wie ein Kreuz, sagt jemand vielleicht beiläufig. Und fährt dann im Gespräch fort und das Gespräch nimmt doch irgendwie eine andere Wendung dabei.

Und manchmal werden wir in diesen Räumen auch die Hoffnung ausdrücklich machen. Und sie wird nicht beiläufig dabei sein.

Wir werden manchmal auch Gottesdienst feiern können.

Mit dieser Kreuzspannung vor Augen.

Und es wird gut sein, genau an dieser Stelle, Worte in den Mund zu nehmen, wie die aus dem Römerbrief.

„Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.“

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