Es riecht nach Weihnachten
schneider-elisa
Bild: Privat

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ein Sonntagnachmittag im Herbst. Es klingelt an der Tür. Freunde aus Studienzeiten machen Halt in Hanau und kommen zu Besuch vorbei. Kurz bevor sie reinkommen, entzünde ich eine Kerze, gieße Gewürztee auf und schneide den Kuchen an, der frisch aus dem Ofen kommt. Auf einmal sagt Eine: »Es riecht ja so nach Weihnachten hier!« Diesen Satz mitten im Herbst zu hören, brachte mich zum Nachdenken.

Advents- und Weihnachtszeit. So mancher wird denken: Endlich ist die düstere Herbstzeit vorbei. Lange zeigte sich der Herbst dieses Jahr von seiner schönsten Seite. Doch dann wurde es beschwerlich und ungemütlich. Eine Zeit, in der es länger dunkel ist als hell, es draußen rau und kalt ist. Eine Zeit, die auch von Schwerem und Dunklem geprägt ist. Im November liegen bedeutsame, aber auch nachdenkliche und traurige Gedenktage. Da überrascht es mich nicht, dass dann die Weihnachtszeit herbeigesehnt wird. Überall Lichter, der Duft von gerösteten Mandeln, Glühwein und Tannenzweigen liegt in der Luft, Menschen kommen wieder zusammen. Die Atmosphäre ist anders, und das lässt aufatmen.

Als Theologin komme ich manchmal nicht umhin zu denken: Weihnachten wird soweit es geht nach vorne gezogen. Der Advent als Vorbereitungs- und Einkehrzeit aufs große Fest wird stattdessen übersprungen. So lange und so viel wie möglich möchte man dieses »Weihnachtsfeeling« haben, nicht nur ein paar Tage. Die feierliche Weihnachtsstimmung soll am besten schon Mitte November anfangen und dann bis zu den Weihnachtsfeiertagen anhalten.  Vielleicht weil die Sehnsucht nach einer besonderen Zeit so groß ist? Ich finde, in der Vorweihnachtszeit spürt man so etwas wie eine Ausnahme­stimmung. Die Städte und Dörfer sehen anders aus. Das alltägliche Leben wird umhüllt von tatsächlichem und imaginärem Zuckerguss. Die Menschen ticken anders. Die Wochen vor Weihnachten verleiten zum Träumen von einem anderen Miteinander, von der Liebe zueinander, von Frieden und Versöhnung, von einer anderen Welt. Man kommt zusammen, feiert, beschenkt und lässt sich beschenken. Schon kurz nach Heiligabend ist dann bald wieder alles vorbei. Bald beginnt der farblose Januar, die Arbeit geht wieder voll los, Geschenke werden umgetauscht, Pläne und Vorhaben für das neue Jahr wollen angegangen werden. Wo bleiben dann die Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte? Was bleibt von dieser besonderen Zeit?

Das besondere Geschenk, das alle bekommen, die sich von der christlichen Weihnachtsbotschaft anstecken lassen, ist das Versprechen, dass die Zeit der Träume, der Hoffnung und Sehnsüchte kurz nach den Weihnachtsfeiertagen nicht vorbei ist. Die Glühweinstände sind zwar abgebaut und keine Tannenzweige und Lichter zieren mehr die Straßen und Häuser. Aber das Christuskind aus der Krippe begleitet uns das ganze Jahr, bleibt bei uns und mit ihm das weihnachtliche Vorstellungsvermögen davon, dass alles auch ganz anders sein kann. Die Weihnachtsbotschaft gilt das ganze Jahr. Die Weihnachtszeit ist keine Ausnahmezeit, sondern eine Zeit, in der das, was uns das ganze Jahr begleitet, ganz deutlich wird: Gott wendet sich uns Menschen zu, will unter uns sein und unseren Alltag verändern. Ich denke, das christliche Weihnachtsfest ermutigt dazu, die Welt mit anderen Augen zu sehen und Träume zu haben. Nicht Luftschlösser oder Selbsttäuschungen aufrechtzuerhalten. Sondern Wünsche und Fantasien zu haben, für jeden neuen Tag und das neue Jahr. Ich hoffe, dass das Weihnachtsfest uns dazu anregt, Visionen zu haben für das eigene Leben, für das Miteinander in unserer Gesellschaft und für die Zukunft unserer Kirche!

Und wenn ich dann wieder Besuch habe und ein Freund sagt: »Bei dir riecht es ja so nach Weihnachten«, dann werde ich lachen und sagen: »Ja, bei mir ist das ganze Jahr Weihnachten!«. Denn Gott hüllt mein Leben das ganze Jahr in Zuckerguss. Gott macht mein Leben hell, wenn es dunkel ist. Gott macht mich zur Träumenden, deren Mund voll Lachens und Zunge voll Rühmens ist und gibt mir damit Lebensmut – das ganze Jahr.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit, deren Funke überspringt aufs neue Jahr und sie begleiten möge.

Herzliche Grüße
Ihre

Vikarin Elisa Schneider

5226